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Text zur Ausstellung von Xenia Stanek

Die aus einem synthetisierenden Schaffensprozess resultierende Collage ist seit jeher das Medium par excellence zur Erarbeitung von Bildwelten jenseits gängiger künstlerischer Konventionen. In der Welt der Collage dominieren die Faktoren „Intuition“ und „Zufall“ über die jeweils aktuellen Regelwerke von Malerei und Plastik. Aufgrund der Schnelligkeit und Spontaneität ihres Entstehungsprozesses gewährt die Collagetechnik dem Künstler eine direkte Umsetzung seiner Ideen, welche der Vorstufen des Entwurfs oder der Studie nicht bedarf. Für das Gelingen eines solchen in einem Zuge konzipierten Konstrukts sind die sichere Beherrschung der Bildkomposition und ein untrügerisches Gespür für Ästhetik und Harmonie unabdingbare Voraussetzung.
Die Collagen der jungen Dortmunder Künstlerin Xenia Stanek sind ein gelungenes Beispiel für diese intuitive und stilsichere Herangehensweise. Wenige Minuten nur genügen ihr zur Schaffung ihrer Collagen vom ersten gedanklichen Ansatz bis zur vollendeten Form. Unter „künstlerischer Vollendung“ ist hierbei nicht die Gestaltung eines flächendeckenden, zentralperspektivisch geordneten Bildkontinuums gemeint, sondern eine auf wenige Elemente reduzierte Komposition, in der neben der eigentlichen Motivik dem Verhältnis von künstlerisch bearbeiteter Bildpartie und unbearbeiteter Bildfläche eine eigenständige ästhetische Bedeutung zukommt.
Als Vorlagen für ihre spontanen Bildideen dient Xenia Stanek dabei ein Fundus alter fotografischer Aufnahmen, oftmals entnommen aus Büchern und Zeitschriften, daneben aber auch eine Vielzahl von Materialien wie Originalnegative, Faden, Draht, Spitze, Rüschen sowie unterschiedliche Bänder (Klebe- und Isolierbänder, Tonbänder). Die abwechslungsreiche, wenngleich dezent gehaltene Materialkombination verleiht den Collagen einen überaus sinnlichen Charakter.
NOSTALGIE IN ABSTRAKTEM AMBIENTE In vielen ihrer Arbeiten zitiert Xenia Stanek eine Bilderwelt aus den frühen Jahrzehnten der Fotografiegeschichte. Zur Evozierung von Weiblichkeit werden oftmals Beine in tänzerisch grazilen Posen gezeigt, während die männliche Gestalt durch Fragmente des Oberkörpers in Erscheinung tritt. Festes, geschnürtes Schuhwerk, dicke schwarze Strümpfe, Spitzenröcke und Kleider rufen ebenso wie eine derbe Oberbekleidung die „gute alte Zeit“ in Erinnerung. Das Schwarz-Weiß- Aufnahmeverfahren und der mitunter vergilbte Zustand der Papierausschnitte verleihen der anhand der Motivwahl suggerierten historischen Distanz anschaulichen Charakter. Aber auch durch die Applikation textiler Versatzstücke wie Spitzen und Bordüren versprühen die Collagen den Hauch alter Zeiten.
Xenias Staneks Arbeiten gehen jedoch über die Wiederbelebung einer historischen Bildwelt weit hinaus. Im Gegensatz zum klassischen Papier collé verwendet die Künstlerin neben Papierfragmenten auch Garn, Draht, Bänder, Zöpfe und Bandagen, mit denen sie ihre Arbeiten beklebt, behängt und benäht. Die Funktion dieser Elemente ist vielfältig: mal dienen sie zur räumlichen Verankerung des Hauptmotivs („Klavierregen“), mal bilden sie eine kompositionelle Einheit mit dem Hauptmotiv und verschmelzen mit diesem. Dieses Zusammenspiel bildkonstituierender Elemente unterschiedlicher Realitätsstufen gelingt in harmonischer Art und Weise, obwohl, wie im Falle der männlichen Aktfigur exemplarisch deutlich wird, der eingearbeiteten Fadenstruktur keine gegenständliche Lesbarkeit zukommt. Sie dient zur Erzeugung einer abstrakten Oberflächentextur, die der Gesamtkomposition ihre Ausgewogenheit verleiht. Da sie kein vorgefertigtes Machwerk ist, sondern speziell für diese Collage entwickelt wurde, setzt sie überdies eine deutliche persönliche Note.
FLÄCHE UND RAUM Die den Realitätszitaten der Fotografie-Schnipsel innewohnende Plastizität und Tiefenräumlichkeit steht in einem reizvollen Kontrast zur Zweidimensionalität der in ihrem Rohzustand ansichtigen Bildebene, oftmals bestehend aus Karton oder Tonpapier. Die Bildfläche fungiert hier nicht als Fiktionsebene für das Bildmotiv, sie dient auch nicht als materieller Ersatz für die eigentliche künstlerische Darstellung, sondern bleibt als blankes, unbehandeltes Trägermaterial autonom. Der Materialität des großflächig inszenierten Untergrunds kommt dabei ein ästhetischer Eigenwert zu.
Anstatt ein dreidimensionales Raumgebilde zu suggerieren, ist die Bildfläche als ein mehrschichtiges Konstrukt aufgebaut, dessen fein gearbeiteten Ebenen so sehr miteinander verschmolzen sind, dass die einzelnen Entstehungsstufen nicht mehr nachzuvollziehen sind. So entsteht ein flacher Bildraum, versetzt mit einer motivischen Zufallskomposition und abstrakten Formelementen, der in seiner materiellen Vielfalt und seinen unterschiedlichen Oberflächentexturen kontrastreich gestaltet ist. In den komplexer angelegten Arbeiten geht der Bilduntergrund, obwohl als solcher weiterhin ansichtig, durch eine subtile Gestaltung eine untrennbare Einheit mit den applizierten Realitätsfragmenten ein, so dass Motiv und Grund nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind. Diese Gleichwertigkeit der Bildelemente, selbst des Kartons als Trägermaterial, ist kennzeichnend für Xenia Staneks Arbeiten.
Während in der klassischen Malerei der einzelne Bildausschnitt stets in seinem logischen Bezug zum Gesamtwerk bestehen bleibt, verliert eine isoliert betrachtete Bildpartie aus einer Collage ihre vormalige Bedeutung und wird wieder autonom. In der Malerei der frühen Moderne lassen sich dagegen Phänomene finden, die mit der Collagetechnik wesensverwandt sind. Betrachtet man beispielsweise einen Ausschnitt aus einem Gemälde von Paul Cézanne, so entdeckt man nicht mehr als ein abstrakt geformtes Bildelement, das sich weder gegenständlich noch räumlich interpretieren lässt. Erst im Kontext des vollständigen Bildes erschließt sich seine Bedeutung. In manchen Arbeiten spielt auch Xenia Stanek mit dem Grenzverlauf von Gegenständlichkeit und Abstraktion: für die „Kleidung“ ihrer drei soldatenartigen Figuren hat sie Materialien verwendet, die eine unterschiedlich starke Autonomie besitzen.
In Xenia Staneks Collagen gibt es, entsprechend der reduzierten Gestaltung, keine Erzählstruktur. Ihre Werke frappieren gerade durch die Schlichtheit und Absurdität ihrer Konstrukte, ohne für Verwirrung zu sorgen. Die fragmentarische Gestaltung des menschlichen Körpers, übrigens ein geläufiges Thema des Surrealismus, gewährt dem Suggestionsvermögen des Betrachters einen großen Spielraum. Mitunter finden sich motivische Verfremdungen, so beispielsweise bei dem auf dünnen, an Dali gemahnenden Beinen stehenden Ledersessel.
Eigenen Aussagen der Künstlerin zufolge sind es oft disparate Wahrnehmungsfetzen, die ihr die Initialzündung für eine Collage liefern. Es kann sich hierbei um einen Auszug aus einem Gedicht, beispielweise von Paul Celan oder Gottfried Benn handeln, oder um elektronische Musik. Xenia Stanek entwickelt ihre Collagen nicht aus einem historischen, rückwärtsgewandten Geist heraus - im Gegenteil: sie reagiert mit ihnen auf die für unsere Zeit charakteristische Zerstückelung der Wahrnehmung in disparate Momente, und setzt dieser Werke entgegen, die historischen Charme sowie Ruhe und Festigkeit ausstrahlen.
(Dr. Sabine Weicherding)



Text zur Ausstellung von Tirzah Haase und Eva Horstick-Schmitt

Liebe Gäste,
als Kunsthistorikerin bin ich es gewohnt, über ganz unterschiedliche Ausstellungen und ganz unterschiedliche Themen zu sprechen. Doch zum ersten Mal empfinde ich die Notwendigkeit, meine Rede mit einem persönlich angehauchten Prolog zu beginnen.
Denn als ich anfing, über die Thematik dieser Ausstellung von Tirzah Haase und Eva Horstick-Schmitt nachzudenken, stellte ich fest, dass die Arbeitsroutine sich nicht so recht einstellen wollte. Nicht nur mein Kopf fing an zu arbeiten, sondern auch irgendetwas irgendwo tief in meinem Innern fing an sich zu regen. Etwas, was mich nervös machte, sich nicht richtig gut anfühlte, etwas sehr vielschichtiges, in sich chaotisches, das ich erstmal ergründen wollte.
Also erzählte ich Freunden von der Ausstellung, auf die ich mich vorbereitete, und da fanden meine unterschwelligen Gefühle ihr sichtbares Äquivalent: in einem tiefen Luftholen, einem Zucken, einem gemurmelten „oje“ oder „oGott“, oder auch einem aufmunternden „Mutig mutig“, um nur eine Auswahl an Reaktionen zu nennen.
Ganz offensichtlich stellt sich beim Stichwort Krebs unwillkürlich ein Gefühl von Betroffenheit ein, denn Krebs ist eine weit verbreitete Erkrankung. Ohne lang überlegen zu müssen, kennt jeder eine Vielzahl von Menschen, die an Krebs erkrankt sind, viele sind auch persönlich schon damit konfrontiert worden und die, denen es bisher nicht so erging, wissen, zumindest grob, um die statistische Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens die eine oder andere Form von Krebs zu bekommen.
Krebs ist eine potentielle Bedrohung, und somit, um eine Bekannte zu zitieren „ein unschönes“ Thema für eine Ausstellung. Glücklicherweise muss in der Kunstwelt ein Thema nicht schön sein, um museale Öffentlichkeit zu erlangen. Dennoch ließ mich die Situation, gelebtes Leben im Spiegel der Kunst zu thematisieren, nicht gleichgültig. Ich bekam Skrupel, über die Krankheitsgeschichte eines Menschen zu sprechen, ohne die Krankheit selbst erlebt zu haben. Ich fragte mich, ob ich diese Geschehnisse überhaupt angemessen nachvollziehen können würde. Und ob ich in der Lage sein würde, irgendetwas dazu zu sagen, ohne unwillkürlich jemandem auf die Füße zu treten.
Da mir klar war, dass ich aufgrund meiner „Laien“-Perspektive sicherlich eine etwas andere Wahrnehmung der Ausstellung haben würde als jemand, der schon mal von Brustkrebs betroffen war, entschied ich mich letztlich, die Komplexität der Situation einfach als gegeben hinzunehmen.
Und befasste mich erstmal mit der Frage, was Kunst und Krankheit eigentlich für ein Verhältnis zueinander haben. Seit Jahrhunderten standen Kunst und Medizin nämlich in einem engen Zusammenhang. Der Schwerpunkt lag dabei auf der Darstellung medizinischer Untersuchungen und Behandlungen und richtete sich an ein wissenschaftsinteressiertes Fachpublikum, man denke nur an die „Anatomie des Dr. Tulp“ von Rembrandt.
Auf der anderen Seite diente Kunst der Dokumentation neuester medizinischer Erkenntnisse, in Form anatomischer Studien oder illustrierter medizinischer Lehrbücher, und dies bis zur Ablösung durch Fotografie und Röntgentechnik im 19. Jahrhundert.
So vermochte es die Verbindung von Kunst und Wissenschaft, Einblick in den menschlichen Körper zu gewähren, und Erkenntnisse über die Entstehung von Krankheiten, deren Symptomatik und mögliche Behandlungsformen zu erlangen. Die Rolle des Patienten war bis ins 19. Jahrhundert hinein die eines passiven Anschauungsobjektes.
Während sich die Medizin im Laufe des 19. Jahrhunderts von der Kunst als Illustrationsmedium löste, begannen Künstler, sich zunehmend der Kunst als Ausdruck ihrer seelischen und körperlichen Qualen zu bedienen. Frida Kahlo oder Joseph Beuys reflektierten das eigene Schicksal, Schmerz, Heilung, Rettung, in der Kunst.
Brit-Art-Verteter wie Damien Hirst vollzogen bzw. vollziehen eine Kehrtwende und bedienen sich in ihren Werken auf mitunter morbide, schockierende Art und Weise der althergebrachten Verbindung von Kunst und Anatomie.
Und dann gibt es noch die „Kunst als Therapie“, die heute gang und gäbe in deutschen Kliniken ist. Mit Kunst kann man dem Schicksal des Erkranktseins, und dem damit verbundenen Gefühl der Lähmung, der Abhängigkeit von Ärzten und Medizin, einen persönlichen Handlungsspielraum entgegen setzen. Kunst kann ein Ventil sein für Ängste, Hoffnungen, Wut, Kunst kann seelische Entlastung verschaffen.
Die Ausstellung von Tirzah Haase und Eva Horstick-Schmitt stellt einen Sonderfall dar. Denn es war kein therapeutischer Ansatz, kein autobiographisches Do-it- yourself, sondern vielmehr ein sich in die Hände einer vertrauten Person Begeben. Nachdem Tirzah Haase die Diagnose Krebs erhalten und ihren ersten und einzigen Heulanfall hatte, fasste sie den Entschluss, den vor ihr liegenden Lebensabschnitt für immer festzuhalten, anstatt ihn zu verdrängen oder gar zu leugnen. Ohne dabei an eine Veröffentlichung dieser privaten Aufnahmen zu denken.
Sie hatte die Idee eines fotografischen Tagebuchs für sich selbst, das eine Geschichte zeigen würde, deren Verlauf und Ergebnis völlig offen waren. Die Fotografin Eva Horstick-Schmitt, Kollegin und Vertraute, kam diesem Wunsch nach. Ausgestattet mit einem allumfassenden künstlerischen Freibrief. Was und wie sie ihre Arbeit machen würde, welche Momente sie in welcher Form fotografierte, war allein ihr überlassen. So schaute Eva Horstick-Schmitt von außen auf die Ereignisse, feinfühlig und subtil drang sie dabei in die Tiefe dieser biographischen Ausnahmesituation vor.
Die Präsentation der dabei entstandenen Arbeiten erfolgt aus nahe liegenden Gründen in chronologischer Reihenfolge, ergänzt mit handschriftlichen Kommentaren von Tirzah Haase. Den Beginn markiert eine Aufnahme die schnörkellos mit „Ich habe Brustkrebs“ untertitelt ist. Tirzah Haase begegnet uns hier als Schattengestalt, unkenntlich und unfassbar. Entmaterialisiert. Doch schon in der nächsten Arbeit findet sie sich im Bild ein, mit fragendem Blick, hochkonzentriert.
Der anschließenden Serie von Schwarzweißaufnahmen kommt eine Sonderstellung zu. Die mit einer Chemotherapie einhergehende Schocksituation des Haarausfalls vorwegnehmend, lässt sich Tirzah Haase das Haar abrasieren. Der Körper mag krank sein, der Geist ist immer noch frei und handlungsfähig. Die Zerrissenheit zwischen Mut und Verzweiflung, aber auch die Erleichterung stehen Tirzah Haase ins Gesicht geschrieben. Dies ist der Moment, an dem sie das Heft in die Hand nimmt und sich keck eine Perücke aufsetzt.
Drei Chemotherapien bringt TH hinter sich, auf rührende Art begleitet von ihrem Plüschhund. Man muss sich zu helfen wissen, Kraftquellen finden, Tricks anwenden, auch und gerade wenn sich Wimpern und Augenbrauen verabschieden.
Momente des Erduldens wechseln mit Feierlaune, ungebrochenem Lebenswillen. Und immer wieder gelingt es Eva Horstick-Schmitt, Situationen einzufangen, die in einem Bild alles widerspiegeln. „Nicht eintreten“ steht an der OP-Tür, hinter der gerade die präventive Resektion, also Brustamputation, durchgeführt wird, und in diesen zwei lapidaren Worten „Nicht eintreten“ kommt die Übermacht der Medizin zum Ausdruck.
Diese Phase endet mit 2 sanften-poetischen Bildern, die sicherlich zu den schönsten der Ausstellung gehören. Tirzah Haase mit geschlossenen Augen, traumversunken, umgeben von Symbolen der Weiblichkeit, Spitzen, Locken, Schmuck, – und dann öffnet sie die Augen, und man spürt, dass gewisse Verluste der Schönheit der Dargestellten keinen Abbruch tun. Im Gegenteil.
Kraft und Optimismus spricht aus diesem Blick Tirzah Haases, eine überschwängliche Lebensfreude, zweifelsohne auch eine starke Aura, die den Verlust der Brust zu dem werden lässt, was er ist, zum Verlust eines Körperteils, der Rest der Person und Persönlichkeit ist noch da, mehr denn je.
Die Aufnahmen führen den Betrachter vom Moment der Diagnose bis zum Abschluss der Krebsbehandlung, den Tirzah Haase anlässlich ihres 50. Geburtstags wie eine Wiedergeburt gebührend feiert. Beschwingt, berauscht, es darf wieder geträumt werden, Tirzah Haase ist wieder eins ist mit sich selbst und der Natur. Stark wie ein Baum.
Eva Horstick-Schmitt richtet ihre Kamera auf das Wesentliche, orientiert sich mitunter an den Schlüsselmotiven des Erlebten, die sie unter Ausblendung des Umfeldes ins Zentrum der Aufnahmen rückt. Etwa die rosafarbene Flüssigkeit, von Tirzah Haase frech „rote Zora“ tituliert, oder den Port, liebevoll als „Brosche“ bezeichnet. Auch hierin zeigt sich die Nähe zwischen den beiden Protagonistinnen, die keiner Worte bedurfte.
Fast symbolisch erscheint vor diesem Hintergrund die einzige Aufnahme in dieser Ausstellung, auf der etwas von der Fotografin zu sehen ist. Eva Horstick-Schmitt bleibt hinter der Kamera verborgen, ist kaum zu erkennen. Bezeichnenderweise, denn es war ihr ausdrücklicher Wunsch, bei ihrer Arbeit unsichtbar zu werden. Tirzah Haase war nicht eines ihrer Modelle, mit denen sie sonst zusammenarbeitet, alles sollte natürlich und authentisch eingefangen werden. Eva Horstick-Schmitt war stummer Zeuge, dementsprechend wurde bei den Aufnahmen nie gesprochen, und nichts besprochen. Es herrscht eine stille Harmonie zwischen der Frau vor und hinter der Kamera, die der Frau vor der Kamera sicherlich Halt gegeben hat, und der Frau hinter der Kamera sicherlich viel abverlangte.
Eva Horstick-Schmitt grenzt sich bewusst vom Paparazzitum ab, sie schießt keine Leute mit der Kamera ab, verzichtet auf möglichst viele Aufnahmen in kürzester Zeit, in der Hoffnung, zufälligerweise den ultimativ gelungenen Schuss zu kriegen. Eva Horstick-Schmitt stellt die Kamera so ein, dass das Bild so wird, wie sie es vor Augen hat. Sie drückt einmal auf den Auslöser, und verzichtet auf das Blitzlicht, um die Situation nicht zu verfremden. So entstehen diskrete Aufnahmen, ohne Voyeurismus. Nicht sensationslüstern, sondern einfühlsam, mitunter auch sachlich.
In einer Vitrine des Ausstellungsraums liegen die Relikte dieses Lebensabschnitts, das abgeschnittene Haar, der Port und die Anstecknadel, die Brustkrebs öffentlich sichtbar macht. Hinter Glas, musealisiert, vorbei – aber auch wertvolle Zeugen eines Lebensabschnitts, der nicht frei gewählt war, aber dennoch seinen Wert besitzt. Vielleicht auch sicher hinter Glas verwahrt, ästhetisiertes Relikt eines vergangenen Leides, und nun nicht mehr so bedrohlich.
Auch die Bilder kommen nicht so heftig rüber wie der Krebs heftig ist. Sie wollen dem Betrachter den Schmerz nicht ins Gesicht schreien. Sie wollen Berührungsängste abbauen und Offenheit fördern. Sie wollen nicht ängstigen, denn an Angstgefühlen mangelt es beim Thema Brustkrebs sicher nicht.
Tirzah Haase hat ihrer Angst ins Gesicht geblickt, mitunter frech und eigensinnig. Und trägt damit dazu bei, anderen Betroffenen Mut zu machen, ihre eigene Einstellung zu Krankheit und Gesundheit zu finden, auch Schönes nicht zu vergessen, wenn Gefühle wie Wut und Verzweiflung, Abhängigkeit von Ärzten und Medizin an der Tagesordnung sind. Letztlich ist jeder Patient nicht nur ein Fall, sondern ein Individuum, das seine persönliche Geschichte zu erzählen hat. Und Tirzah Haase erzählt die ihre als einen Prozess der Häutung, der ein neues schöneres „Ich“ hervorgebracht hat. Sie fühlt sich heute, eigenen Aussagen zufolge, stärker und besser denn je.
Dass das fotografische Tagebuch so geworden ist, verdankt sich den beteiligten Persönlichkeiten, ist Spiegel einer eigenwilligen Schauspielerin, die ihre Maske ablegen musste, und einer zurückhaltenden Fotografin. Beide sind ein Stück Lebensweg gemeinsam gegangen. Und zeigen damit das Wichtigste, was man in einer Situation wie Tirzah Haases braucht: Menschen, die einen nicht alleine lassen.
Dass sich die Werke heute als Ausstellung präsentieren, verdankt sich dem Mut der Beteiligten, die Privates öffentlich machen, weil es eine Allgemeingültig besitzt, und der Bereitschaft des Museums für Kunst und Kulturgeschichte, dazu beizutragen, dass dieses Thema in gebührendem Rahmen Öffentlichkeit erlangt - wohlwissend, dass dies auch Kritik hervorrufen kann.
Zum Abschluss möchte ich alle Gäste im Namen von Tirzah Haase und Eva Horstick-Schmitt noch darauf hinweisen, dass sich beide über zahlreiche Einträge in die von ihnen ausgelegten Gästebücher freuen möchten - ich denke, dieser Wunsch sollte sich erfüllen lassen.
Dr. Sabine Weicherding (Dortmund)